29.05.2026 | Ein Artikel von Denise
"Weil das Herz keine Öffnungszeiten hat" - Unser Besuch im Kinderhospiz Bremerhaven-Cuxhaven
"Wow, das ist ja wirklich schön!", ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schießt, als Petra und ich in einem ruhigen Wohngebiet in Cuxhaven auf den Hof des Kinderhospizes Cuxhaven-Bremerhaven einbiegen. Neben einer leuchtend bunten Fassade stechen uns direkt die toll bemalten Fenster an der Front des Gebäudes ins Auge. Bunte Blumen und daneben viele Luftballons in Form einer "25".
"Wir hatten im Februar gerade 25-jähriges Jubiläum!", erfahren wir direkt, als wir den lichtdurchfluteten Eingangsbereich betreten und von Azize Subasic, der ersten Vorsitzenden, und Stina Berndt, einer der Koordinatorinnen des Hospizes, begrüßt werden.
Ich gebe zu, der erste Eindruck ist ein ganz anderer, als ich erwartet hatte. Irgendwie ist das Gebäude, in dem wir stehen, mit so viel positiver Energie erfüllt, dass es zunächst gar nicht recht zu dem Thema passen will, mit dem sich die Menschen hier täglich auseinandersetzen. In einem Hospiz geht es schließlich um den Tod und das Sterben, oder nicht?
"Natürlich betreuen wir hier Kinder, die in irgendeiner Form lebensverkürzt erkrankt sind", erzählen Azize und Stina uns, während sie uns in den großen Aufenthaltsraum führen. "Aber bei uns geht es vielmehr um Teilhabe – Teilhabe am Leben und an der Gesellschaft."
Das Konzept des ambulanten Kinderhospizes Cuxhaven-Bremerhaven ist einzigartig. Die meisten ambulanten Hospizdienste besuchen die Kinder in ihrer häuslichen Umgebung, wodurch die Kinder häufig unter sich bleiben und auch nur mit einem einzigen ehrenamtlichen Betreuer in Kontakt stehen. Das ist in Cuxhaven völlig anders, denn vor einigen Jahren haben sie von einer sehr großzügigen Spenderin das weitläufige Gebäude samt Außengelände gespendet bekommen, in dem wir uns nun staunend umsehen.
Das Gebäude ist genau auf die Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien ausgelegt. Hier gibt es nicht nur viel Platz, sondern auch alles, was das Kinderherz begehrt: Ein riesiges Kuschelsofa, Brettspiele, Puppen, Bausteine und sogar einen Kicker.
Azize und Stina nehmen uns zunächst mit auf das Außengelände, wo uns ein tolles Klettergerüst in Form eines Schiffes erwartet. Während wir an der Sandkiste, dem Basketballkorb und den vielen Sitzgelegenheiten vorbeigehen, kommt mir der Gedanke, dass der Spielplatz auf den ersten Blick gar nicht vermuten lässt, dass hier Kinder spielen, die mit schweren körperlichen und/oder psychischen Einschränkungen zu kämpfen haben.
"Und genau das ist der Gedanke", erklärt uns Stina. "Uns ist es wichtig, dass die Kinder hier trotz ihrer unterschiedlichen Bedürfnisse so frei wie möglich spielen können. Und wenn ein Kind bei einem Ausflug auf dem Bauernhof auf ein Pferd möchte, das aufgrund seiner Krampfanfälle aber eigentlich nicht möglich wäre, dann stehen halt einfach vier Ehrenamtliche drum herum und machen das dann möglich."
Als wir ins Gebäude zurückkommen, sind wir noch immer ganz begeistert von den inklusiven Schaukeln und dem Trampolin, auf dem sogar ein Kind mit Rollstuhl spielen kann – doch nun zeigt Azize uns das "Lieblingszimmer" der Kinder – den Snoezel- Raum. Auf den ersten Blick macht das schlichte weiße Zimmer mit einem gemütlichen Wasserbett und einem Baldachin nicht ganz so viel her, aber als Azize das Licht aus- und die Effekte anschaltet, erkennen wir, was die Kinder hier so lieben. Überall glitzert, schimmert und leuchtet es. An der Wand ziehen auf einmal Fische ihre Kreise und an der Decke tanzen Lichtpunkte.
"Hier können die Kinder zur Ruhe kommen, wenn sie mal einen Moment Abstand von der Gruppe brauchen", erklären uns Stina und Azize. Es gibt Hörspiele und Bücher zum Vorlesen – ein richtiger Ruhepol auf dem sonst eher aktiven Gelände des Hospizes.
Unsere Gebäudeführung geht weiter durch die Küche, die gesonderten Räume für Trauerbegleitung und ruhigere Gespräche und endet vor einem ganz besonderen Highlight des hellen Empfangsbereichs: der Schmetterlingswand. Hier hat jedes Kind, das im Hospiz betreut wurde und inzwischen verstorben ist, einen eigenen Schmetterling.
Auch nach dem Tod eines Kindes hört die Arbeit der Hospizmitarbeiter/innen nicht auf. "Wir sind weiter für die Eltern, Geschwisterkinder und Verwandten da. Viele bleiben dem Hospiz auch weiter verbunden. Wir leisten auch viel Trauerarbeit, deshalb haben wir nun auch die Trostwerkstatt gegründet", berichtet Azize.
Von den "Trostpiraten" – einer Trauergruppe für Kinder – haben wir bereits gehört, aber auch die Eltern verstorbener Kinder können im Hospiz Hilfe bekommen. Die "Wellenreiter" – Hilfe für trauernde Jugendliche – und die "Sturm-Helden" – Hilfe für trauernde Eltern – machen uns klar, wie viel Liebe neben der ganzen tollen Organisation und Koordination im gesamten Konzept des Kinderhospizes steckt.
Petra und mir fällt auf, dass einige Schmetterlinge mit dem gleichen Geburts- und Sterbedatum versehen sind. "Wir unterstützen auch die Eltern von Sternenkindern", erklärt uns Stina daraufhin. "Wir helfen beim Umgang mit dem Tod des eigenen Kindes, können Hilfestellung bei der Bewältigung und auch den Aufgaben geben, die dann plötzlich auf einen zukommen. Viele wissen noch gar nicht, dass es dieses Angebot hier auch gibt."
"So, und jetzt geht es vor dem Haus nochmal weiter!", ergänzt Azize und führt uns zum Zaun vor dem Kinderhospiz. "Das ist unser Wunschzaun! Wir wollten gerne erreichen, dass die Menschen in Cuxhaven weniger Berührungsängste in Bezug auf das Hospiz haben. Deshalb stecken wir hier kleine Zettel mit großen und kleinen Wünschen in den Zaun, die wir aktuell im Kinderhospiz gebrauchen können. Das kann zum Beispiel ein Strauß frischer Blumen für den Empfang oder ein neuer Wäscheständer sein. Ziel ist nicht nur, dass wir dadurch ein paar tolle, neue Dinge gespendet bekommen, sondern vielmehr, dass die Menschen zu uns reinkommen und wir in den Austausch mit ihnen kommen. Das klappt richtig gut!"
Wieder im Gebäude berichten die beiden uns, dass sie aktuell in der Betreuung unter der Woche ca. 10 Kinder, in der Ferienbetreuung auch bis zu 20 Kinder, betreuen und rund 45 Ehrenamtliche haben, die für die Betreuung der Kinder ausgebildet sind. Der Bedarf an geschulten Ehrenamtlichen ist weiter sehr groß, denn aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder ist eine 1:1-Betreuung zwingend notwendig.
"Wir freuen uns über jeden, der Zeit hat. Die Kinder geben einem wahnsinnig viel zurück!", sagt Stina.
Das Hospiz bietet für ehrenamtliche Helfer, die mit den Kindern arbeiten möchten, eine In-House-Schulung zum/r Hospiz-Begleiter/in an. Doch auch an vielen anderen Stellen werden Ehrenamtliche gebraucht, zum Beispiel für den Fahrdienst, zum Essenkochen während der Ferienbetreuung, für die Gartenarbeit auf dem Außengelände oder die Unterstützung bei Veranstaltungen.
"Wer helfen will, ist immer willkommen!", lacht Azize. "Ich finde hier für jeden etwas zu tun!"
Geldspenden oder ehrenamtliche Unterstützung werden im Hospiz immer gebraucht. Die größte Anschaffung im Moment: Ein neuer Bus muss her, damit die Ehrenamtlichen mit den Kindern Ausflüge machen können. "Wir fahren mal an den Strand oder in den Zoo, und natürlich brauchen wir im Bus auch Stellplatz für die Kinder im Rollstuhl."
Zum Schluss erzählen Azize und Stina uns noch von der Ferienwohnung, die das Hospiz direkt am Cuxhavener Strand vermietet. "Es ist eine Ferienwohnung für schwerkranke Kinder und ihre Familien!" Dort gibt es alle Voraussetzungen, die Familien mit erkrankten Kindern brauchen, um endlich mal wieder gemeinsam Urlaub machen und für einen Moment ausruhen zu können.
Als unser Besuch zu Ende geht, bleibt uns vor allem ein Gedanke im Kopf: Wie viel tolle Arbeit hier geleistet wird und wie wunderschön es ist, dass so viele Menschen bereit sind, ehrenamtlich zu helfen! Azize erwähnt, dass sie einige ihrer ehrenamtlichen Helfer gefragt haben, warum sie das Hospiz unterstützen. Eine Antwort ist uns sehr im Gedächtnis geblieben:
"Weil ein Herz keine Öffnungszeiten hat!"
Vielen Dank an Stina, Azize und das gesamte Team des Kinderhospizes Cuxhaven-Bremerhaven für den tollen Einblick und eure unschätzbar wertvolle Arbeit!
